Durch Kalifornien

< Yukon

Zwischenbericht

Die nächsten vier Wochen waren, bis auf wenige Höhepunkte, nicht so spektakulär. Ich fasse sie deswegen ein bißchen zusammen.

Die Karawane zieht also weiter. Der Abschied von Robert fiel mir mal wieder nicht so leicht und doch bin ich froh endlich wieder auf der Straße zu sein.

Abschied von Robert

Abschied von Robert

Die Nachricht vom ersten Schnee in den Bergen ließ uns erschauern, ob der unumstößlichen Tatsache, daß wir noch über die gesamten Rocky Mountains müssen und damit einige tausend Kilometer durch British Columbia (Kanada) und den immergrünen US-Bundesstaat Washington.

Wir nehmen die einzige Verbindung gen Süden, den Alaska Highway und biegen kurz vor Watson Lake auf den Cassiar HWY in die Berge ab. Es beginnt zu regnen und soll die nächsten Wochen auch nicht mehr aufhören. Zeltauf- und abbau geschehen immer wenn der Regen ein wenig nachläßt oder kurze ganz aufhört, was nichts daran ändert, das alles naß, feucht oder wenigstens klamm ist. Wir sprechen wenig, alles läuft ab wie gewohnt. Unsere Höhepunkte sind die Mahlzeiten und selbst die sind meistens karg. Das Karibufleisch, welches wir von Roberts Bruder Michael zum Abschied geschenkt bekamen, ist einfach köstlich. In der Pfanne in Öl gebraten und mit grob gehacktem Knoblauch bestreut schmeckt es wunderbar. Wir fahren weiter durch den anhaltenden Regen. Die Regenkombis schützen bis auf wenige Stellen ganz gut und das einzige was etwas friert sind die Fuß- und Fingerspitzen. Ich hänge meinen Gedanken nach und folge dem nicht endenden Verlauf der Straße.

Benzin fassen in Dease Lake, eigentlich nicht erwähnenswert, wenn nicht der Betreiber ein Herz für Biker gehabt und uns, die wir alle unsere durchnäßten Klamotten um den gut beheizten Ofen drapierten, Hühnersuppe, Kaffee und einen Muffin spendiert hätte. In Stewart Hyder kommen wir dann denoch wieder durchnäßt und hungrig an. Die Touristensaison ist zu Ende und alles ist dicht. Die beiden Orte machen einen trostlosen Eindruck. Mag sein daß das am Wetter liegt, denn wer außer uns geht bei diesem Wetter auch auf die Straße. Wir buchen uns im »Alaska Inn« ein, weil alle Zeltplätze schwimmen, und stellen die Heizung voll auf.

Das Lustige an diesen beiden Orten ist, daß Stewart, durch das man zuerst kommt, auf kanadischer Seite liegt und Hyder auf Alaska-Seite. Sie sind durch eine nur zwei Kilometer lange Straße verbunden. Von da aus geht es allerdings nicht weiter, da Hyder hier unten der einzige über Landweg erreichbare Ort auf dem zu Alaska gehörenden Alexanderarchipel ist. Der Archipel liegt im Golf von Alaska am Pazifik und ist der südlichste Zipfel Alaskas. Am vom gleichnamigen Gletscher gespeisten Salmon River sehen wir dann tausende verendete Lachse und solche die kurz davor sind.

Bis hierher sind sie durch den nebenbei gesagt längsten Fjord Nordamerikas gekommen um zu laichen und ihrem Leben ein Ende zu setzen. Der weithin wahrzunehmende Geruch ist unglaublichund lockt auch die Bären an, die sich hier die Lachse einverleiben. Doch uns tut gerade keiner von ihnen den Gefallen und somit ziehen wir weiter. Wir wollen zum Salmon-Gletscher. Eine steile, sehr schöne aber schmale Paßstraße führt entlang der Berge bis dicht an den Gletscher und wir haben eine atemberaubende Sicht auf ihn.

Salmon-Gletscher
Übernachtung am Salmon-Gletscher

Übernachtung am Salmon-Gletscher

Leider ist uns das Wetter nicht so wohl gesonnen. Wir übernachten am Gletscher und müssen am nächsten Tag ein sehr steiles Bergstück überwinden. Nach zwei kleineren Stürzen, viel Plagerei mit Schieben und Umladen, haben wir es dann endlich geschafft.

Die Fahrt geht weiter. Wir fahren den HWY 16 in Richtung Prince Georg. Langsam kommen wir wieder in bewohntere Gebiete, was uns angesichts der zu Ende gehenden Nahrungsvorräte wieder etwas ruhiger Campen läßt. Nach Hazelton finden wir eine kleine seit längerem verlassene Kiesgrube und bauen unser Zelt auf. Doch kaum daß es steht, hören wir in der Nähe ein ganzes Rudel Kojoten heulen. Blitzartig haben wir beide einen riesigen Knüppel in der Hand, bereit die Küchenbox mit unserem Leben zu verteidigen.

Wir fahren weiter und der Regen hatte dummerweise den gleichen Weg. Es gießt wie aus Kannen. Die ersten Behausungen von Prince Georg rücken ins Blickfeld und wir sind uns einig, wieder ein Hotel oder Motel zu nehmen. Die sichere Zeit im Yukon sollte ab jetzt vorbei sein, das wurde uns nach der ersten Nacht im Motel bewußt, als von meinem Tankrucksack, den ich der Umstände halber immer am Motorrad gelassen habe nur noch die abgeschnittenen Zurriemen herunterhingen. Der Verlust einiger Konserven, Öl, Zahnbürste, Schreibzeug, Schleifstein oder Kaffee war noch zu verkraften, aber mein Adreßbuch mit teilweise unwiederbringlichen Adressen von Freunden vorangegangener Reisen aus aller Welt, hat mich hart getroffen. Den verlorenen Stauraum zu ersetzen sollte sich auch als gar nicht so leicht erweisen. Zu allem Tagesglück stellte sich noch heraus, daß meine Hinterradbremse bis auf das Metall der Beläge herunter war und unbedingt gewechselt werden mußte. Nachdem den Haltebolzen mit normalem Werkzeug nichtmehr beizukommen war, mußten sie ausgebohrt werden. Unsere Laune war am Ende. Zu unserem Glück waren neben uns im Motel einige Arbeiter mit fahrbarer Werkstadt eingemietet.

Bremsenreparatur

Und so konnten wir das Problem der Bremsen wenigstens an Ort und Stelle beheben. Nach den weniger schönen Erlebnissen in PG nahmen wir den HWY 99 Süd in Richtung Vancouver, um endlich Ersatzteile für unsere Motorräder zu bekommen. In Lillooet, eine Kleinstadt am Fraser River, eingebettet in wunderschöne Berge und angeschlossen an das, sich durch lange Tunnel und tiefe Schluchten windende Eisenbahnnetz, treffen wir einige der letzten deutschen Touristen der Saison.

Serpentinen

Wir werden auf einige Bier eingeladen und hatten einen wirklich schönen Abend. Dann ging es weiter den HWY 99. Eine ca. 100 km lange Off-Road-Strecke brachte endlich wieder Schwung in die Reise. Sie schlängelte sich die Berge entlang und hatte teilweise Gefälle die so steil waren, daß sie schon an freien Fall erinnerten. Ein Fahrspaß der Extraklasse und für jeden Biker, der durch diese Gegend kommt, ein Muß.

Anderson Lake

Anderson Lake

Man fährt von Lillooet aus eine kleine Schotterpiste am Bridge River entlang bis zu einer Kreuzung am Carpenter Lake. Dort biegt man links ab durch einen Tunnel in Richtung Shalalth. Ab dem winzigen, kaum wahrnehmbaren Ort Seton Portage geht es dann nach dem Zeichen »Auf eigene Gefahr« und »Nicht bewirtschafteter Weg« ins Gelände. Bis zu dem kleinen Ort D’Arcy hat man alle Hände voll zu tun, nicht in 500 m tiefe Schluchten abzurutschen oder das Bike an halb weggerutschten Straßenteilen vorbei zu manövrieren. Dabei entschädigt immer ein herrlicher Blick auf den künstlich angestauten Anderson Lake.

Nach den Anstrengungen lassen wir uns in D’Arcy zu einer Tasse Kaffee nieder und schwelgen noch im eben Erlebten als uns Ron anspricht.

Er liefert Lebensmittel aus und lädt uns zu sich nach Hause in Sqamish ein, was für uns ein strategisch wichtiger Punkt ist, da wir früh am Morgen in die große Metropole Vancouver einfahren wollen. Er und seine Frau Elenore haben zur Zeit einen deutschen Austauschstudenten zu Besuch und wir können bei ihnen im Partykeller übernachten.

Wir meiden eigentlich große Städte, aber das rund um die Uhr belebte und wache Vancouver war mal ein krasser Gegensatz zur Einöde im Norden.

Dann fuhren wir weiter in Richtung Seattle. Um wiederum in die USA einzureisen. Die Beamten an der Grenze nahmen uns unsere teuren Apfelsinen ab und verlängerten zum Dank dafür nicht mal unser Visa. So haben wir nun für den Rest der Vereinigten Staaten noch ganze vier Monate. Wir fahren durch bis Seattle. Da wir Ersatzteile für die Bikes brauchen stoppen wir kurz nach der Stadt, um in ihrem Einzugsgebiet zu bleiben. Wir treffen einen sehr netten Arbeiter, der uns den Tip gibt, in die Mima Mountains zu fahren um dort kostenlos zu Campen. Als wir alle unsere Ersatzteile zusammen haben, nehmen wir diesen Tip ernst und fahren raus.

Die Gegend ist wunderschön und hat ein bißchen was von einem Regenwald. Wir finden ein gutes Plätzchen im Sherman Valley und fangen an unsere Bikes zu warten. Unsere Nachbarn sind sehr laut. Sie streiten und sind fröhlich im Zehn-Minuten-Rhytmus. Und sie reden ohne Unterlaß.

Marvin und Dyan

Marvin und Dyan

Marvin und Dyan aus Spanaway in Washington sind, wie sie sich selber nennen, jung gebliebene Hippies. Der gemeinsame nette Abend beschert uns am nächsten Morgen einen schrecklichen Kater von Marvins Wodka. Als am nächsten Abend das Zelt der Beiden in Flammen aufgeht wissen wir, warum wir niemals Kerzen mit in unser Zelt nehmen. Wir wollen zum gerade aktiven Vulkan Mount St. Helene. Er hat vor einigen Tagen eine Wolke mit Asche in die Luft geblasen und die Leute in der Umgebung reden von nichts anderem mehr. Wir fahren also für einige gute Fotos auf den Berg und merken sofort, daß wir mit dieser Idee nicht allein sind. Tausende Menschen pilgern hinauf um das Naturschauspiel zu sehen. Der schönste Platz zum Filmen war reserviert für Presse, Funk und Fernsehen, doch mit unseren Presseausweisen vom Dresdner Kulturmagazin »Dresdner« stellte das natürlich keinerlei Problem dar.

Fernsehleute

Die Fernsehleute sonnten sich und machten sich bereit für die 10-Uhr-Nachrichten. Es war interessant zu sehen wie solche Beiträge entstehen. Auf dem Parkplatz sprechen uns Charles und Julia an. Ein Pärchen aus Kenso bei Lakeview, die selbst sehr viel in der Welt umherbiken und auch viel Erfahrung in Südamerika gemacht haben. Wir folgen ihnen zu ihrem wunderschönen Haus in den Bergen und werden beköstigt wie in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Charles, Julia, Heiko und ich

Julia macht uns jeden Morgen Eier mit Speck und einen herrlichen Fruchtsalat und Charles überläßt uns seine ganzen Karten aus Mittel und Südamerika. Wir machen noch einen sehr regenreichen Ausflug zum Mount Rainier, der mit seinen 3.600 Metern die höchste Erhebung der Gegend darstellt.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns und starten zu einer langen Etappe in Richtung Kalifornien. Wir fahren den herrlichen Highway 101 durch Washington und Oregon und wechseln dann auf die 1 nach Californien. Ich bin nie eine schönere Strecke gefahren. Der Red Wood Forest mit seinen 2.000 Jahre alten Bäumen fasziniert uns für kurze Zeit so sehr, daß wir beschließen einen Tag länger hier zu verbringen.

Sequiabaum als Motorradgarage

Einer der riesigen Sequoiabäume ist so groß, das ich problemlos mein Motorrad darin parken kann. Sie sind bis 135 Meter hoch, welches eine pyhsikalische Grenze darstellt, da dann der Druck des bis in die Spitzen zu transportierenden Wassers zu groß wird.

San Francisco liegt auf unserem Weg und wir wollen über die Golden Gate Bridge nach Downtown einfahren. Die Stadt ist mehr als teuer, das merken wir schon am anderen Ende der Brücke, als man uns pro Motorrad erst mal fünf Dollar für die Benutzung der selben berechnet. Dann besorgen wir uns einen Stadtplan und die Suche nach einer billigen Bleibe beginnt. Nachdem wir endlich untergekommen sind und die Bikes sicher in einer Tiefgarage geparkt haben, fangen wir an die Stadt zu entdecken.

San Francisco

San Francisco

Golden Gate Bridge

Golden Gate Bridge

Möwen am Kai
San Francisco

San Francisco

Wir lernen viele Leute kennen. Der Backpacker ist Unterschlupf für die verschiedensten Leute. Da ist eine Polin, die ohne Unterlaß redet und hier gearbeitet hat um alsbald nach Hause zurückzukehren und ihr Studium fortzusetzen, ein Italiener der hier für eine finnische Firma Fahrstühle baut, ein dänischer Architekturstudent aus Arhus der auf der Suche nach einem Praktikumsplatz ist, ein Franzose aus La Rochelle, dessen Englisch sich auf wenige schmutzige Worte begrenzt und der sich aber trotzdem mit viel Mimik und Gestik verständlich zu machen wußte, ein Ire der im Backpacker arbeitete und schon seit einigen Jahren in Frisco lebt, und und und. Die Begegnungen sind oftmals kurz und oberflächlich aber deswegen natürlich nicht uninteressant. Wir treffen bei einer kleinen Tour durch die riesige Metropole den Harleyfahrer Ken Berger, der uns zu den Twin Peaks führt, die wir unbedingt fotografieren müßten. Und wirklich haben wir eine unglaubliche Aussicht auf die Stadt.

Ken mit seiner Harley auf den Twin Peaks

Ken mit seiner Harley auf den Twin Peaks

Ken posiert noch ein bißchen vor der Kamera mit seiner, vor einer halben Stunde verkauften Harley, um sich auf unserer Seite zu verewigen, dann verabschieden wir uns. Wir verlassen die Küste in Richtung Yosemite-Nationalpark, vorbei an riesigen, abgeernteten Apfelsinenplantagen, durch staubtrockene Landschaft und immer in der sengenden Hitze der kalifornischen Oktobersonne. Der kleine unscheinbare Ort Coulterville macht durch die älteste, immer noch in Betrieb befindliche Kneipe Kaliforniens und das Hotel Jeffery von 1851 auf sich aufmerksam.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und einem Fototermin mit dem Besitzer, der nach eigenen Angaben viele Reisende trifft, die auf längerer Tour bei ihm reinschauen und die er dann auf seiner Webseite verewigt. Am nächsten Morgen fahren wir in den Yosemite-Nationalpark ein. Er ist mit seinen Pässen (Badger-Paß 2.400 m und Tioga-Paß 3.300m) einer der Nationalparks mit den schönsten und höchsten Bergen Kaliforniens.

Auch hier sehen wir wieder die großen und unheimlich viel Energie ausstrahlenden Bäume, hier nicht ganz so groß wie im Red Wood Forest, dafür aber dreimal so dick mit einem Umfang von vielleicht 40 Metern. Als wir den Yosemite verlassen schlägt das Wetter um. Später erfahren wir, daß der Tioga-Paß einen Tag nach unserer Überquerung für diese Saison geschlossen wurde. Wir fahren in die großen weiten Ebenen der Sierra Nevada und erleben ein Unwetter das seinesgleichen sucht.

Das Zelt verankern wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln im Boden und doch wachen wir alle halbe Stunde auf und bangen mit jeder Böe. Der Wind zerrt und rüttelt am Zelt, als wollte er uns sagen, daß wir schleunigst weiterfahren sollen. Nun, wir gehorchen und brechen auf nach Bishop, um dort meinen längst überfälligen Reifen zu wechseln.

Dann tauschen wir den Regen gegen die unendlichen trockenen Weiten des > Death Valley ein.

Beyond Pictures Landkarte Amerika